karl Holtz

Karl Holtz

Rede von Wolfgang U. Schütte
gesprochen am 14. Januar 1999 auf dem Friedhof Bergholz-Rehbrücke am Grab von Karl Holtz

Wir gedenken eines großen Künstlers und eines großen Menschen. Ihre Anteilnahme macht deutlich, daß der im letzten Jahr des 19. Jahrhunderts geborene Karl Holtz in einer Zeit, die wir ruhig schnellebig und auch leicht vergessend nennen wollen, eben nicht vergessen ist. Bevor Holtz Hauptzeichner der sozialdemokratischen satirischen Zeitschriften "Lachen links" und "Der Wahre Jacob" wurde - ohne Mitglied der Partei zu sein - konnte der Orlik-Schüler (der auch Sütterlin zum Lehrer hatte) von ihm Gedrucktes im "Ulk", im "Wieland" vorweisen. Im USPD-Verlag Freiheit publizierte Kurt Tucholsky als Kaspar Hauser "Die verkehrte Welt", die der 21jährige Holtz illustrieren durfte. Felix Stössingers "Das System Noske" versah er gleichfalls mit bissigen Karikaturen. Noske, gestand er mir einmal am Lebensende, war in den zwanziger Jahren einer seiner Hauptfeinde. Die Liste der Publikationen, an denen er mitarbeitete, ist lang und alles andere als vollständig: Pfemferts "Aktion", Herzfeldes "Pleite" und "Der Gegner", "Die freie Welt", "Arbeiterkalender", "Rote Fahne", "Syndikalist", "Eulenspiegel", "Ente", "Simplicissimus", "Lustige Blätter".

Allein im ersten Jahrgang von "Lachen links" (1924) habe ich mindestens 90 Karikaturen gezählt, davon 33 Titelseiten und 11 Rücktitel. Fleißig arbeitete er auch für das SPD-Zentralorgan "Vorwärts", was meist übersehen wird, zeichnete er doch hier unter den Pseudonymen zyx und Bombinator.

In der DDR gab es die verdienstvollen und lange vergriffenen Editionen "Holtzauktion", "Acht bunte Blätter", "Aus der Holtz-Kiste", "Klassiker der Karikatur". Und doch blieb alles nur Stückwerk, mußte doch ein gravierendes Ereignis seines Lebens ausgeblendet bleiben.

Von 1945 bis 1949, da hatte er die Zeit des Berufsverbotes ab 1933 und sein bescheidenes Mitwirken im 2. Weltkrieg, zum Teil als Zeichner, zum Teil Soldat im Warschauer Getto mehr schlecht als recht überstanden, setzte er sein zeichnerisches und sein zeitkritisches Talent für viele Zeitungen und Zeitschriften ein. Kunsthistoriker übergehen diese Zeit seines Schaffens gern, doch sie würden staunen, wo man Holtz-Karikaturen finden kann: "Schleswig-Holsteinische Volkszeitung", "Märkischer Igel", "Der Sozialdemokrat", "Tagespost", "Volkswille", "Leipziger Zeitung", "Observer", "Nebelspalter". Gravierend war aber die Mitarbeit am Schweizer "Nebelspalter". Im April 1968 antwortete Holtz auf meine Frage nach seinem Schaffen unter vielem anderem: "Nach 1945 habe ich gearbeitet für den Ulenspiegel, Sie, und zu meinem Pech, für den Nebelspalter. Für, nicht von ihm, erhielt ich das höchste Honorar, das ich jemals bekam, dwazit pjat let.(25 Jahre)."

Persönliche und zeitgeschichtliche Tragik spiegelt ein mit Bleistift geschriebener Kassiber an seine Frau wider, den er nach der Verhaftung durch sowjetische Offiziere aus dem Gefängnis schmuggeln konnte: "Liebe Emmi, unsere Scheidung ist nun auf eine für mich tragische Weise vollzogen worden. Von einem sowjetischen Militärtribunal bin ich wegen meiner Mitarbeit am Nebelspalter und der Frankfurter Illustrierten zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden....Wann ich wieder schreiben kann, weiß ich nicht; Deine Post erreicht mich immer. Sollte ich keine Nachricht von Dir erhalten und sollten wir uns nicht mehr wiedersehen, so sage ich Dir hiermit Lebewohl. Karl".

Von 1949 bis 1956 saß Karl Holtz als Insasse des berüchtigten "gelben Elends" in Bautzen die 25 Jahre ab und kehrte als verbitterter Mann in sein Haus nach Rehbrücke zurück, wo seine Frau auf ihn gewartet hatte.

Nach seiner Entlassung konnte er wieder für "Eulenspiegel", "NBI", "Freie Welt" und andere Zeitungen arbeiten, bekam jedoch Zusatzstrafen; Als er hoffte, Rente beziehen zu können, eröffnete man ihm kaltschnäuzig, daß seine Zeit noch nicht gekommen sei, da ja für die Bautzner Jahre keine Zahlung geleistet worden sei. Es gibt zwei Zeichnungen von ihm, die belegen, wie die sowjetischen Besatzer während des sogenannten Prozesses - ohne Verteidiger - mit ihm umgegangen sind: ein sowjetischer Offizier schlägt auf den Verhörten ein...

Zu seiner Biografie zählt auch, daß er während seiner Haft totgesagt wurde. In westberliner Zeitungen erschienen Nachrufe. Ein shv schrieb in der "Berliner Stimme" (undatierter Zeitungsausschnitt, vermutlich August 1955): "In einem sowjetrussischen Zwangsarbeitslager ist vor kurzem der bedeutende, durch seine Tätigkeit an der satirischen Zeitschrift 'Lachen links' bekannte Karikaturist Karl Holtz gestorben. Karl Holtz war von 1923 bis 1933 überwiegend in "Lachen links" bzw. "Der Wahre Jacob" tätig, dessen überragendster Zeichner er gewesen ist....Man darf Karl Holtz mit Th. Th. Heine oder Olaf Gulbransson durchaus auf eine künstlerische Rangstufe stellen. Er hat sich jedoch nicht wie Gulbransson es tat, in der Nazizeit kompromittiert. Er tat dies auch nicht nach 1945, als die NS-Diktatur von der kommunistischen Diktatur der Sowjetzone abgelöst wurde."

W.G.O. (Walter G. Oschilewski) im "Telegraf": "Er ging, ein großer Künstler aus der Ahnenreihe der Daumier, Steinlen, Grosz, von uns in der Hoffnung daß eines Tages auch für die kritische Kunst wieder die Tore der Freiheit für ganz Deutschland aufgebrochen werden." Der gleiche Autor widerrief im September 1956 in der gleichen Zeitung seinen Nachruf unter der Schlagzeile "Karl Holtz, der politische Karikaturist lebt!", nahm jedoch nichts von seiner Wertung zurück: "Seine Karikaturen waren damals Röntgenaufnahmen der Schwächen und Widersinnigkeiten der Weimarer Ära, in der sich aus Mangel an Selbstvertrauen vieler Republikaner die Totengräber der Volkssouveränität und der demokratischen Freiheit ungestraft austoben konnte. Mit aggressivem Mut nahm er sich die Spießermuffigkeit, die Trabanten des Ungeistes, die Fuhrknechte der Reaktion aufs Korn. Er hat dabei Hitler ebensowenig geschont wie die 'bürgerlichen' Drahtzieher und Hintermänner, die aus persönlicher Feigheit oder persönlichem Eigennutz das Unwetter der Katastrophe, unter dem wir heute noch zu leiden haben, heraufbeschworen."

Bereits vor seiner Zeit in Bautzen hatte der berühmte Kulturhistoriker Friedrich Wendel ein 50seitiges Typoskript, vermutlich für den Archivarion-Verlag geschrieben. Man kannte sich aus gemeinsamer Arbeit bei "Lachen links", außerdem hatte Holtz Buchschmuck und Autorenkarikatur für das des originelle Wendel-Büchlein "Geschichte in Anekdoten" geliefert. Wendels Typoskript "Der Karikaturist Karl Holtz" erlebte seine Metamorphose zum Buch nie, doch blieb es erhalten. "Getreu dem Gesetz von Weimar," heißt es bei Friedrich Wendel, "daß Eigentum verpflichte, stellte Karl Holtz den Reichtum seiner Begabung, also, nicht wahr, einen geistigen Reichtum, den geistig Notleidenden, also, nicht wahr, den deutschen Zwölfendern, Generaldirektoren, Feme-Studenten benebst weiblichem Anhang, großzügig und hochsinnig zur Verfügung, ohne leider erhoffte Renditenerfolge zu erzielen...Ein kühler Realismus bleibt auch die Grundnote seines karikaturistischen Werkes, dessen zeichnerische Qualität ihm seinen Platz unter den besten Vertretern der Gattung sichert. Virtuos beherrscht er alle Möglichkeiten des Strichs, aber so übermütig er auch der Phantasie des Griffels die Zügel schießen läßt, nie verletzt er das Gesetz, daß die Karikatur überbetonte Wirklichkeit zu sein hat....Durch Karl Holtz empfing die politische Karikatur in Deutschland neue Impulse." Weshalb diese Zitate? Weil es im April 1978 - Holtz starb am 18.4.1978 in einem Potsdamer Krankenhaus - kaum Nachrufe, abgesehen von dem im "Eulenspiegel", gab. Und weil im Jahr seines 100. Geburtstages uns allen Pflicht sein sollte, ein möglichst umfangreiches Buch über ihn auf den Weg zu bringen. Eines, das nichts verschweigt und die große Lebensleistung eines allzeit bescheiden gebliebenen Künstlers, vor der wir Nachgeborenen uns heute an seinem Grab verneigen, würdigt.

Nach dem Original